Aufstand in Griechenland: “Dies sind auch unsere Tage!” - Text von MigrantInnen 16.12.08

Nach dem Mord an Alexis Grigoropoulos lebten wir in einer beispiellosen Situation des Aufruhrs, ein Ausstoß der Wut der nie zu enden scheint. Es scheint, als würden die Schüler_innen und Student_innen diesen Aufstand maßgeblich führen - welche mit einer unglaublichen Leidenschaft die ganze Situation in Griechenland auf den Kopf gestellt haben. Mensch kann nichts stoppen, was mensch nicht kontrollieren kann, was sich spontan organisiert unter Bedingungen, die nicht erfassen kannst.
Das ist das Schöne an diesem Aufstand. Die Schüler_innen machen Geschichte und überlassen es den anderen, sie aufzuschreiben und ideologisch einzuordnen. Die Straßen, die Motivation, die Leidenschaft gehören ihnen.

"These days are ours, too"

Im Rahmen dieser großen Mobilisierung, mit den Schüler_Innen/Student_innen-Demos als Antrieb gibt es auch eine große Anteilnahme von Migrant_innen der zweiten Generation und vieler Flüchtlinge. Die Flüchtlinge kommen in kleinen Gruppen auf die Straße, mit begrenzter Organisation, aber mit einem hohen Grad an Spontanität und Kraft.

Momentan sind sie der militanteste Teil der in Griechenland lebenden Ausländer_innen. Vielleicht auch, weil sie nichts zu verlieren haben.

Die Kinder von Migrant_innen kommen in Massen und sehr dynamisch, primär mobilisiert durch die Schul- und Uni-Aktionen, aber auch durch Mobilisierungen der (auch radikalen) Linken. Sie stellen den “integriertesten” Part der migrantischen Community dar, und den couragiertesten. Sie sind anders als ihre Eltern, die mit gesenkten Köpfen kamen, als würden sie um Brot betteln wollen. Sie sind Teil der griechischen Gesellschaft, sie kennen keine andere. Sie betteln nicht um etwas, sondern die verlangen die gleichen Rechte wie sie ihre griechischen Mitschüler_innen besitzen.

Gleichheit der Rechte, und auf der Straße, der Träume.

Für uns politische, organisierte Migrant_innen ist dies ein zweiter französischer November 2005. Wir hatten nie die Illusion diesen Wutausbruch in eine bestimmte Richtung lenken zu können. Trotz der vielen Kämpfe, an denen wir teilgenommen haben ist uns nie eine derart große Mobilisierung gelungen.

Jetzt ist es an der Straße zu reden:

Der ohrenbetäubende Schrei, den ihr hört gilt den 18 Jahren der Gewalt, der Repression, der Ausbeutung und Demütigung.
Diese Tage sind auch unsere!

Diese Tage sind für die Mirgant_innen und Flüchtlinge, die an den Grenzen, Arbeitsplätzen und in den Polizeistationen umgebracht wurden. Sie sind für die, die durch die Cops oder “pflichtbewusste Bürger_innen” umgebracht wurden.

Sie sind für die, die wegen der Bestrebung eine Grenze zu übertreten ermordet wurden, die sich zu Tode schufteten, die weil sie den Kopf nicht senken wollten oder wegen nichts ermordet wurden. Sie sind für Gramos Palusi, Luan Bertelina, Edison Yahai, Tony Onuoha, Abdurahim Edriz, Modaser Mohamed Ashtraf, und so viele mehr, die wir nicht vergessen haben!

Diese Tage gelten der täglichen Polizeigewalt die ungeahndet und unbeantwortet bleibt. Sie gelten den Demütigungen an den Grenzen und den Ausländer_innen-Behörden, die bis heute anhalten. Sie gelten der “Gerechtigkeit” der griechischen Gerichte, die Migrant_innen im Knast und der Gerechtigkeit, die wir nicht kriegen. Sogar nun, in Tagen des Aufstands, zahlen die Migrant_innen einen hohen Preis - was ist mit den Angriffen der Faschos und Cops, den Deportationen, Inhaftierungen und den Strafen, die die Gerichte mit christlicher Liebe verhängen?

Diese Tage gelten der Ausbeutung die nun seit 18 Jahren anhält. Sie gelten den Kämpfen, die wir nicht vergessen haben: in Volos, bei den Olympics und in der StadtAmaliade. Sie gelten der Mühe und dem Blut unserer Eltern, der Schwarzarbeit und die endlosen Versetzungen. Es gilt dem Papier, dem wir den Rest unseres Lebens hinter rennen müssen wie einem vom Wind verwehten Lotto-Ticket.

Diese Tage gelten dem Preis, den wir zahlen müssen um zu leben, zu atmen. Sie gelten all den Tagen. An denen wir es zähneknirschend hingenommen haben, gelten der harten Arbeit und den Niederlagen, mit denen wir kämpfen mussten. Sie gelten all den Malen die wir nicht reagierten, auch wenn wir alle Gründe der Welt dazu gehabt hätten.

Sie gelten all den Malen, an denen wir reagiert haben und wir alleine waren weil unsere Tod und unsere Wut nicht in die vorgeformten Bahnen passten, keine Stimmen brachten und sich nicht in den Prime-Time-News verkauften.

Diese Tage sind für die Marginalisierten, die Ausgeschlossenen, die mit den schwierigen Namen und unbekannten Geschichten.
Sie gehören alle denen wie täglich im Agäischen Meer und im Evros.Fluss ertrinken oder an den Grenzen erschossen werden; die zu den Roma von Zefyri oder den Drogenabhängigen von Axarhia gehören.
Diese Tage gehören den Kids der Mesollogiou-Straße, den Unintegrierten, den unkontrollierbaren Student_innen und Schüler_innen.
Dank an Alexis - diese Tage gehören uns allen!

18 Jahre der stillen Wut sind genug!

Auf die Straße, für Solidarität und Würde!

Wir haben nicht vergessen, wie werden nie vergessen - diese Tage sind auch unsere!

Luan, Tony, Mohamed, Alexandros…


(Der dokumentierte Text wurde bei der Demo/Kundgebung vor den Polizeihauptquartieren von einer Gruppe albanischer Migrant_innen, der “Haunt of Albanian Migrants”, verteilt.)

Quelle und weitere aktuelle Infos: http://de.indymedia.org

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