22.8.08 // ND: Flughafen geflutet

Neues Deutschland v. 23.08.2008

Blockiert und besetzt – in der Hansestadt wird revoltiert
Kreative Proteste gegen die deutsche Abschiebepraxis

Von Susann Witt-Stahl, Hamburg

Rund 1500 Antirassismus-Aktivisten demonstrierten erfolgreich am Hamburger Flughafen. Trotz friedfertiger Aktionen löste die Polizei das Spektakel gewaltsam auf.

Flughafen Hamburg-Fuhlsbüttel, Terminal 2: »Achtung, alle Passagiere des Abschiebefluges Lufthansa 707 nach Togo, Guinea und Benin. Bitte kommen Sie umgehend mit den Begleitern der Bundespolizei zum Ausgang A 14«, dröhnt es aus einem Lautsprecher, den antirassistische Aktivisten in der Abflughalle hochhalten. »Was Abschiebungen? Wieso?«, rufen andere Akteure des Laienspiels, die empörte Fluggäste darstellen. Mit solchen Szenarien wollen die Organisatoren der »Airport-Fluten«Aktion, die im Rahmen des Hamburger Klima-Antira-Camps läuft, die Bevölkerung ermutigen, ihr Schweigen zu brechen und beherzt einzugreifen, wenn Bundespolizisten Flüchtlinge – meist mit brutaler Gewalt – in Flugzeuge zerren.

»Ich wurde mit Klebeband gefesselt und wie ein Tier behandelt«, berichtet der äthiopische Flüchtling Felleke Bahiru Kum, der sich an den Protesten beteiligt. »Die Polizei verletzte mich, und ich blutete.« Der Oppositionspolitiker wehrte sich gegen eine Deportation in sein Heimatland, in dem ein korruptes Regime herrscht, und schrie um Hilfe. Mit Erfolg: Der Pilot weigerte sich, den Flug nach Addis Abeba zu starten. Heute ist Felleke Bahirum Kum Flüchtlingssprecher in Nördlingen und kämpft für sein Bleiberecht.

Um die Maßnahmen möglichst unter Ausschluss der Öffentlichkeit über die Bühne gehen zu lassen, setzen die Behörden verstärkt auf Sammelabschiebungen in eigens gecharterten Maschinen: »Eine Charter der Schande«, findet Hagen Kopp vom Netzwerk »Kein Mensch ist illegal«. Vor allem die Präzision, mit der der Abschiebebetrieb funktioniert, erschüttert den erfahrenen Aktivisten: »Da kommen einem schlimme Gedanken, was die deutsche Gründlichkeit anbelangt.« In der Flughafen-Halle gehen die Aktivitäten gegen institutionalisierten Rassismus indes weiter: Nila Thurasingam, die vor neun Jahren aus Sri Lanka geflohen ist und einige Zeit im Lager Horst verbringen musste (»Sie haben uns wie Sklaven behandelt«), verteilt im Terminal 1 auf ihren Namen ausgestellte »Global Passports« an vorbeieilende Fluggäste (Foto: Witt-Stahl). In dem Dokument sind die Forderungen von Flüchtlingsinitiativen zu lesen: »Das Recht, den Wohnort überall frei zu wählen, sich frei zu bewegen. Geltungsdauer des Passes: Unbegrenzt.«

Das habe ich nicht gewusst

Hagen Kopp verspricht, die Proteste sofort zu stoppen und dem Flughafen das Prädikat »Fairport« zu verleihen, für den Fall, dass die Verantwortlichen einwilligen – aber das tun sie nicht. Die Veranstalter der Proteste hatten vielfältige kreative Aktionen versprochen – und sie haben Wort gehalten: Während sich Vertreter des »Instituts für angewandte Mobilitätsforschung« auf »Lesereise« durch die Terminals begeben, um die Reisenden »über die menschenverachtende europäische Abschiebepolitik« zu informieren, interviewt ein Antira-Fernsehreporterteam Fluggäste: »Dass sich die Behörden bei den Abschiebungen solch drastischer und brutaler Methoden bedienen, habe ich nicht gewusst«, gesteht Bettina Stein, die auf ihre aus den USA zurückkehrende Tochter wartet. »Ich wäre bereit einzuschreiten, wenn ich so eine Situation beobachten würde.«

»Ich kann an jeden Ort der Welt fliegen«, sagt Marga Flader, die aus Afghanistan kommt und zu den glücklichen Besitzern eines deutschen Reisepasses gehört. »Gleiches Recht für alle!«, fordert die Vorsitzende des Vereins zur Unterstützung von Schulen in Afghanistan. Die Polizei und Sicherheitskräfte des Flughafens beäugen das bunte Treiben der Aktivisten mit Argwohn. Aber sie schreiten nur ein, wenn die Proteste extrem laut werden: Und so werden die Demonstranten mit dem Lautsprecher unsanft aus der Halle entfernt.

Wasserwerfer gegen Demonstration

Am Terminal Tango ist inzwischen der Demonstrationszug »Für grenzenlose Bewegungsfreiheit« eingetroffen, an dem sich rund 1000 Menschen beteiligen. Darunter auch der stellvertretende Bürgerschaftspräsident Wolfgang Joithe von der LINKEN und drei weitere Mitglieder seiner Fraktion: »Es ist und bleibt unerträglich, dass Waren in dieser Welt frei getauscht werden dürfen, aber die Freizügigkeit für Menschen an den Mauern der Europäischen Union aufhört«, erklärt Norbert Hackbusch, europapolitischer Sprecher der Fraktion. Da den Demonstranten untersagt wurde, vor die Flugabfertigungshallen zu ziehen, versuchen einige Aktivisten zu den Terminals durchzubrechen. Die Polizei drängte die Demonstranten jedoch zurück. Später lösen die Beamten die Kundgebung gewaltsam auf. Es kommt zum massiven Einsatz von Wasserwerfern und auch Schlagstöcken.

»Presse unerwünscht« – Camper schützen ihre Privatsphäre

Die Pressearbeit der linken Camper für ihre Aktionen und Veranstaltungen in der Stadt ist äußerst professionell. Um so erstaunlicher ist daher zunächst, dass Journalisten auf dem Gelände des Camps nicht gern gesehen sind. Eine überraschende Haltung zumal für ein Camp, das öffentlichkeitswirksam gegen staatlichen Rassismus und Klimazerstörung demonstrieren will. Dennoch haben sich die Teilnehmer dafür ausgesprochen, der Presse den Zutritt zum Campingplatz zu verwehren. »Die Leute auf dem Platz wollen ihre Privatsphäre schützen«, erklärt Sprecherin Ines Koburger die Entscheidung. »Hier essen und schlafen sie, dabei wollen sie sich nicht von Journalisten filmen und fotografieren lassen.«

Grund für den Beschluss, das Camp für Journalisten zu sperren, ist nicht zuletzt die Berichterstattung der Hamburger »Bild«. Dort ist durchgehend von »Chaos-Campern« und ihrer »gefährlichen Doppelstrategie« aus »Gaga-Protest« und »hemmungsloser Randale« die Rede. Als »Bild«-Journalisten am Sonntag auf dem Campgelände unterwegs waren, entdeckten sie an einem Zelt die Aufschrift »Solidarität mit MAGGI«. Die »Militante Antirassistische Gruppe gegen das Imperium« hatte wenige Tage zuvor mit Farbbeuteln und Steinen die Häuser dreier Mitarbeiter der Hamburger Ausländerbehörde beschädigt. Für »Bild« offenbar ein willkommener Anlass, weiterhin Campteilnehmer als Kriminelle zu diffamieren. Für die Aktivisten Grund genug, ihr »Wohnzimmer« nicht mehr mit den Medien zu teilen.

Trotz der Entscheidung der Teilnehmer ist das Camp aber nicht gänzlich gegen die Öffentlichkeit abgeschottet. Der Platz ist frei zugänglich, am Eingang befindet sich eine »Kontaktstelle«. Hier werden interessierten Journalisten Gesprächspartner vermittelt, und es können Interviews geführt werden. Bislang habe sich die Entscheidung der Camps auf die Berichterstattung nicht negativ ausgewirkt, sagt Ines Koburger.

http://www.neues-deutschland.de/artikel/134314.flughafen-geflutet.html

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