2000 Unterschriften für Bleiberecht - Artikel in der Zeitung "Junge Welt" über Familie Sardi

|

Eine Stadt und ihre Bürger appellieren an Göttinger Landrat, algerische
Familie nicht abzuschieben

Von Reimar Paul, junge welt 29.2.08

Die Beschlüsse waren nicht einstimmig, aber mit großer Mehrheit
angenommen worden. Der Rat und der Samtgemeinderat des niedersächsischen
Städtchens Dransfeld haben an den zuständigen Landkreis Göttingen
appelliert, eine algerische Flüchtlingsfamilie nicht abzuschieben und
ihr zu einem dauerhaften Bleiberecht zu verhelfen. Auch eine Liste mit
mehr als 2000 Unterschriften aus Dransfeld und Umgebung ist schon an
Landrat Reinhard Schermann (CDU) geschickt worden. Die Unterzeichner
verlangen ebenfalls, daß die Familie Sardi in Dransfeld bleiben darf.
Etliche Dransfelder haben in der Angelegenheit Leserbriefe an die
Lokalzeitung geschrieben. Viele kommen auch zu den zweiwöchentlichen
Beratungstreffen, bei denen die Unterstützer der Flüchtlinge ihre
nächsten Schritte erörtern.

Das Ehepaar Sardi und seine drei Kinder - sie sind heute 17, 22 und 27
Jahre alt - floh vor mehr als 15 Jahren aus dem nordafrikanischen Land
in die Bundesrepublik. Damals tobte dort ein blutiger Bürgerkrieg.
Islamisten verübten viele Bombenanschläge, es gab Hunderte Tote. Den
Asylantrag der Familie Sardi lehnten Behörden und Gerichte dennoch ab.
Statt dessen erhielten die Algerier Duldungen, die immer nur für Monate,
zuletzt nur für wenige Wochen verlängert wurden. Nun befürchtet die
Familie ihre kurzfristige Abschiebung.

»Wir haben uns hier in Dransfeld in den vielen Jahren sehr gut eingelebt
und viele neue Freunde gewonnen«, sagt Vater Adda Sardi. Für die Familie
sei Deutschland »Heimat geworden«. Alle Kinder haben in Dransfeld und
Göttingen Kindergärten und Schulen besucht. Wie die Eltern bekamen auch
sie Arbeitsangebote. Die Behörden hätten ihnen wegen des nicht sicheren
Aufenthaltsstatus trotz wiederholter Anträge aber keine Arbeitserlaubnis
erteilt, klagt Adda Sardi. Nur er selbst und der älteste Sohn Kadda
durften für kurze Zeit arbeiten, dann wurde auch diese Genehmigung
widerrufen. Statt dessen bekommt die Familie vom Landkreis Gutscheine,
mit denen sie in einigen Geschäften einkaufen kann, sowie ein wenig
Bares als Taschengeld.

Der 17jährige Sohn Abdelkader engagiert sich in Dransfeld schon seit
Jahren als Jugendgruppenleiter und Helfer in einem Internetcafé. Er
wurde dafür vom Kreis Göttingen zum »Tag der Ehrenamtlichen 2006« mit
einer Urkunde ausgezeichnet - »in Anerkennung des bemerkenswerten
Engagements und vorbildlichen Verhaltens für den Dienst am Nächsten«.
Abdelkader macht derzeit an der Volkshochschule seinen erweiterten
Realschulabschluß. Tochter Fatima ist seit ihrem zweiten Lebensjahr an
Rheuma erkrankt und leidet zudem an Diabetes, berichten Unterstützer.
Ärzte führten die Erkrankung auch auf den psychischen Druck zurück,
unter dem die Familie stehe. »Für Fatima wäre die Rückführung nach
Algerien nicht nur ein Kulturschock, sondern auch im Hinblick auf ihre
medizinische Versorgung eine Katastrophe«, sagt Adda Sardi.

Kreisrätin Christel Wemheuer (Grüne) sieht jedoch wenig Chancen für ein
dauerhaftes Aufenthaltsrecht. Das Asylverfahren sei rechtskräftig
abgeschlossen. Der Landkreis bemühe sich bei der algerischen Botschaft
um Pässe, ohne die keine Abschiebung erfolgen kann. »Weil sich das noch
hinziehen kann, haben wir der Familie aber für drei Monate eine weitere
Duldung erteilt«, sagt Wemheuer.

familie-sardi.de